Episode 1 - Dunkle Pfade

14.04.2019

" Im Namen des Gesetzes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte Dr. David Ethan Lanford wird in allen genannten Punkten für schuldunfähig erklärt. Das Verfahren wird aus Mangel an weiteren Beweisen eingestellt. Dieses Urteil ist rechtsgültig und kann nicht widerrufen werden. "

Schuldunfähig. Es war dieses eine Wort, welches David nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Seit einer gefühlten Ewigkeit saß er beinahe regungslos in einer spärlich beleuchteten Ecke und starrte in sein leeres Glas. "Noch einen!", raunte er der rotgelockten Kellnerin zu, welche ihm in Rekordzeit einen weiteren Whisky auf den wackeligen Holztisch stellte und genervt die Augen verdrehte. " Das geht dich überhaupt nichts an", dachte er still und nahm einen ordentlichen Schluck. Das hier war seine Sache und selbst wenn er sich totsaufen würde, hätte es wahrscheinlich niemanden interessiert; Jeder hier in diesem heruntergekommenen kleinen Pub war ausgiebig mit sich selbst beschäftigt und das war gut, denn so starrten sie ihn wenigstens nicht an. Das taten sie immer - alle; Als wäre er ein verdammtes Monster.

Sein Blick wich von seinem Glas hinüber zu einem Stapel an Unterlagen, die er auf dem angeknacksten Holzstuhl neben sich platziert hatte. Das war's, aus und vorbei. Endlich hatte die ganze Tortur ein Ende und niemand würde ihm noch irgendwelche Fragen stellen, auf die er selbst keine Antwort zu finden schien. Davids guter Freund und Anwalt Alex hatte sich wirklich die größte Mühe gegeben, die Dinge möglichst schnell abzuwickeln. Was blieb, war ein bitterer Nachgeschmack. Schuldunfähig. Das würde Sie auch nicht wieder zurückbringen, nichts auf dieser Welt würde das.

Langsam aber doch entschieden sicher, begann ihn der Whisky gepaart mit sämtlichen Erinnerungen an die vergangenen Tage zu Kopf zu steigen. Hastig leerte er sein Glas, packte seine Dokumente und hinterließ ein angemessenes Trinkgeld. "Nichts wie raus hier", ging es ihm durch den Kopf, während er beim Verlassen der Lokalitäten wie so häufig ihre Blicke zu spüren bekam - eine Mischung aus Entsetzen, Ekel und Mitgefühl. Auf ihr Mitleid konnte er gut und gerne verzichten, sollten sie doch alle glotzen bis ihnen die Augen von alleine herausfallen. Ohne die Menschen, um sich herum weiter zu beachten, ließ David die marode Tür hinter sich zufallen. Was für ein Loch!

Die Nachtluft war ekelhaft schwül. Es schien ein Gewitter heraufzuziehen. Es war eigentlich viel zu heiß für einen typischen englischen Sommer.
David atmete tief ein und kramte seinen Schlüsselbund aus der linken Hosentasche hervor. Der Wagen stand nur zwei Straßen weiter von hier. Einen kurzen Augenblick überlegte er, ob es nicht doch besser wäre, in seinem Zustand ein Taxi zu nehmen, doch der Gedanke an noch mehr abstoßende Blicke - und möglicherweise noch den scheußlichen Standardfragen ließen diese Option für ihn nicht zu. " Das ist ja schrecklich" oder " Was ist Ihnen denn zugestoßen? "; Es war jedes Mal dasselbe und er hasste es.

Der Audi stand immer noch dort an der Straßenecke unter dem Baum, wo David ihn am Nachmittag abgestellt hatte. Glücklicherweise hatten die Vögel auch nach so langer Zeit davon abgesehen, ihm den schwarzen Lack vollzukacken. Wissend, dass es grundverkehrt war betrunken zu fahren, schmiss er die Dokumente auf den Rücksitz, startete den Motor und fuhr auf die südwestliche Straße. Er wollte einfach nur nach Hause und die Ereignisse des Tages am besten für immer vergessen. Schon bald lagen die Lichter Oxfords hinter ihm und er näherte sich Stershire, einer kleinen verschlafenen Ortschaft am Arsch der Welt, umgeben vom endlosen Nichts und der Düsternis des Heathmouth-Moors, welches an manchen Tagen beinahe die komplette umliegende Umgebung zu verschlucken schien.


Die Bilder der letzten Tage und Wochen reflektierten sich vor seinem inneren Auge und die schmerzhaften Erinnerungen an Catherine quälten ihn. Finstere Gedanken sowie der übermäßige Alkohol ließen seinen Kopf und seine Gedanken schwer erscheinen. Die Lichter des Wagens folgten langsam dem schmalen Waldweg nach Stershire, welchem er vorsichtig hinauf folgte. Alles sah in dieser Gegend so gleich aus - Bäume und noch mehr Bäume inmitten der Dunkelheit.

Wie aus dem Nichts huschte plötzlich ein Schatten aus dem dichten Waldstück hervor und bewegte sich direkt auf Lanfords Auto zu. Mit aller Gewalt zog er die Handbremse und kam mit quietschenden Reifen zum Stehen. Etwas stieß gegen den Wagen. Was zum Teufel war das? Er war schlagartig nüchtern. Vielleicht ein Reh oder ein anderes Tier?

Vorsichtig stieg er aus, um nachzusehen, was ihm vor das Auto gesprungen war. Als er jedoch sah, WAS er angefahren hatte, lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter: Auf dem Boden lag eine junge Frau. "Nein, das darf nicht sein", ging es ihm durch den Kopf, als er ihr zur Hilfe eilte. Vorsichtig beugte er sich hinunter und stellte erschrocken fest, dass er sie wirklich angefahren hatte, wenngleich sie im Gegensatz zum Wagen nur ein paar Kratzer abbekommen zu haben schien. " Bist Du in Ordnung? ", fragte er verunsichert, während er sichergehend kontrollierte, dass wirklich nichts Schlimmeres passiert war. Das junge Mädchen setzte sich benommen hin und strich sich ihre langen schwarzen Haare aus dem Gesicht; Sie zitterte am ganzen Körper. "Scheiße", fluchte David vor sich hin. " Wer bist du und was machst du mitten in der Nacht hier draußen? ", fragte er irritiert und betrachtete sie von oben bis unten. Ihre Kleidung war schmutzig und sie trug einen kleinen Rucksack mit sich. Wahrscheinlich eine Herumtreiberin. Sie antwortete nicht. Immer noch saß sie zitternd auf dem Boden und sah ihr Gegenüber ängstlich an. " Kannst du mir sagen, wie du heißt ?", fragte David diesmal durchdringender. Verneinend schüttelte die junge Frau den Kopf.

" Du stehst offensichtlich unter Schock", stellte er fest. "Es ist wohl das Beste, wenn ich dich ins nächste Krankenhaus fahre". Krampfhaft versuchte die Kleine sich, vom Boden aufzurichten, scheiterte jedoch und sah Lanford mit ängstlichen Augen an. "Bitte, nicht ins Krankenhaus", wimmerte sie beinahe verzweifelt. "Bitte nicht".
" Das auch noch", seufzte er genervt und spielte mit dem Gedanken, sie doch einfach ins Krankenhaus von Stershire zu bringen, jedoch verwarf er diese Idee sofort wieder, als ihm in den Sinn kam, dass sie sicherlich fragen würden, was passiert wäre. Alkohol am Steuer schien keine plausible Ausrede und auch Dana Sullivan vom örtlichen Polizeirevier würde hierüber bestimmt nicht sonderlich begeistert sein., sollte sie hievon erfahren; Immerhin hatte diese schon oft genug ein Auge zugedrückt, wenn David es mit der Geschwindigkeit mal wieder nicht so genau genommen hatte. Somit war diese Option gestrichen.

"Komm her. ". David beugte sich hinunter und half der Kleinen beim Aufstehen. Langsam führte er sie zu seinem Wagen und schob sie auf den Beifahrersitz.
" Mein Name ist Dr. Lanford und ich werde dich mit zu mir nach Hause nehmen", erklärte er kühl, während er einstieg und den Motor erneut startete.

Das Gewitter hatte sich inzwischen über Heathmouth ausgebreitet und brachte einen heftigen Platzregen mit sich, weshalb sich die Weiterfahrt als sehr mühselig erwies. Mit dem Rover wäre die Tour unter diesen Umständen ein Kinderspiel gewesen, doch der Audi, so elegant er auch sein mochte, kam bei so einem Wetter nur langsam voran.

Davids neue Beifahrerin war bereits innerhalb weniger Minuten auf dem weichen Ledersitz eingeschlafen, was ihm ziemlich gelegen kam - so brauchte er keine weiteren Fragen zu stellen und konnte einer Konversation vorerst aus dem Weg gehen. Wer war sie und was hatte sie mitten in der Nacht auf einer verlassenen Straße im Nirgendwo kurz vor Stershire zu suchen? Und dann ihre kaputten Klamotten. Viel zu viel Aufregung für einen einzigen Abend und noch viel mehr Fragen, welche ihn zu diesem Zeitpunkt nicht gerade gelegen kamen. Glücklicherweise war es den Hügel hinauf bis zu seinem Haus nur noch wenige Kilometer.

Das leise Summen des elektrischen Garagentors war eine wahre Erleichterung - endlich Zuhause. Müde stieg er aus und versuchte vergeblich, die Unbekannte zu wecken; Diese schlief jedoch tief und fest und reagierte nicht einmal ansatzweise auf seine Bemühungen. Vorsichtig, als hätte er Angst, einen falsche Bewegung zu machen, trug er seine neue Begleiterin die Treppen hinauf ins Haus. Obwohl sein linker Arm bewegungstechnisch etwas eingeschränkt war, stellte es eine Leichtigkeit für ihn dar, sie hochzuheben - kein Wunder, das arme Ding sah sehr unterernährt aus.
Kaum hineingetragen, stellte sich die große Frage nach dem Wohin, denn das Gästezimmer begann allmählich zu verstauben und die Couch in seinem Arbeitszimmer, in welchem sich all seine wichtige Unterlagen befanden, kam erst recht nicht in Frage, weshalb sich ihm keine andere Option bot, als sie nach oben in sein Schlafzimmer zu tragen.

So behutsam als wäre sie eine Puppe aus Porzellan legte er die junge Frau mit den schwarzen Haaren und der blassen Haut auf sein Bett und zog ihr die dreckigen Boots aus. Dass der Rest ihrer Sachen sehr wahrscheinlich das Bett verschmutzen würde ärgerte ihn, allerdings kam es nicht auch nur ansatzweise für ihn in Frage, ihr irgendetwas anderes auszuziehen - Die Ganze Situation war ohnehin schon Merkwürdig genug. Zum Glück war das neumodische Bett mit seinen zwei Metern groß genug für zwei Personen. Da es nur eine Bettdecke gab, überließ er diese seinem "Besuch". Nachdem er lediglich Schuhe und Jacke ausgezogen hatte, schaltete er mit leisen Schritten das Licht aus und legte sich anschließend auf die andere Hälfte des Bettes; ein herrliches Gefühl endlich zur Ruhe zu kommen. Der Wecker, der seine Uhrzeit in blauen Zahlen an die Zimmerdecke projizierte zeigte 4 Uhr 37 an. Es war das erste Mal, dass David seinen Anzug anbehielt, doch die aktuelle Situation, der Alkohol und die seit Stunden bestehende Müdigkeit ließen ihn innerhalb weniger Sekunden in einen tiefen wenn auch unruhigen Schlaf fallen.




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