Episode 2 - Verdrehtes Erwachen

28.04.2019

Ein stechender Kopfschmerz riss David aus seinem Schlaf. Nichts Neues - Seit dem Unfall vor zwei Jahren war er es gewohnt in diesem Zustand wach zu werden.
"Das ist nicht richtig", mahnte ihn eine innere Stimme - der Teil von ihm, den Andere wohl als 'klug und vernünftig' betrachtet hätten. Doch diese Zeiten waren lange in Vergessenheit geraten. "Hmpf", er gab ein ignorantes Schnauben von sich - zum Teufel mit der Vernunft, alles was er jetzt wirklich brauchte war eine Kopfschmerztablette. Hastig durchwühlte er die Schublade des Nachttisches und fand in der Tat noch eine angebrochene Packung eines Schmerzmittels. David fiel der große runde Wecker ins Auge, der in Retroziffern darauf hinwies, dass es kurz nach neun war und unterbrochen eintönig vor sich hin tickte.

Da es kein Wasserglas gab, schluckte er die Tablette einfach so hinunter. "Stand hier nicht eigentlich ein Digitalwecker?", überlegte er. Der übermäßige Alkoholkonsum hatte wohl diesmal schlimmere Auswirkungen als sonst. Langsam versuchte er sich die Ereignisse des Vortags ins Gedächtnis zu rufen und war schlagartig wach: Die junge Frau, die er beinahe überfahren hatte. Wo war sie hin? die Stelle neben ihm im Bett war leer. Er sah sich um; er befand sich in einem kleinen Raum mit weißen Schlafzimmermöbeln. Der Regen war durch das halb geöffnete Schlafzimmerfenster zu hören und an den Türen des Schlafzimmerschrankes der in Hochglanzoptik vor sich hin schimmerte befand sich ein moderner Spielgel.

Das hier war niemals im Leben sein Schlafzimmer! Sein Geschmack war eher dunkel gehalten und niemals in diesem Gottverdammten Leben wäre es ihm auch nur in den Sinn gekommen, unnötige Spiegel in der Wohnung zu haben; So besaß er doch lediglich einen Badezimmerspiegel, um sich am Morgen zurecht machen zu können.

Irritiert stand er auf und spürte den kuscheligen Teppich unter seinen Füßen, während der schwarze Satinpyjama für eine angenehme Kühle auf der Haut sorgte. "WAS ZUR HÖLLE?!" Das hier war nicht einmal seine Kleidung. Was ging hier vor sich? War das einer dieser seltsamen Träume, die sich anfühlten als seien sie real? David griff erneut zu der Packung mit den Schmerzmitteln "Headex - zur Anwendung bei akuten Kopfschmerzen. Für die korrekte Anwendung beachten Sie bitte die Packungsbeilage oder Informieren sich in Ihrer Apotheke. " - kein Traum. In Träumen kann man nicht lesen. Einzelne Wörter vielleicht, aber keine ganzen Sätze. Was passierte hier bloß? David beschloss, erst einmal herauszufinden, wo er überhaupt war und im Optimalfall auch, wie er hierher gekommen war.

Geradewegs ging er auf die Schlafzimmertür zu, stoppte jedoch, als er sich selbst in dem großen Schrankspiegel sah. Er erstarrte: Sein Gesicht war intakt - nicht ein Kratzer, nicht eine einzige Narbe, die auf einen Unfall hindeuteten - alles unversehrt! Die Tatsache, dass er sich selbst im Spiegel betrachten konnte, war ein weiteres Indiz für ihn, dass dies hier kein Traum war. Aber was dann?Vorsichtig öffnete er die Schlafzimmertür und sah sich verwirrt um: Mehrere Räume grenzten an die Schlafzimmertür, darunter auch ein Badezimmer, welches sich als solches Erkennen lies, da die Tür zu diesem einen Spalt breit offen stand. Von der unteren Etage kamen Geräusche, welche einem Klirren und einem Kratzen ähnlich waren. War SIE noch hier? Das Mädchen, welches er in der Nacht zuvor beinahe überfahren hatte?

Mit langsamen Schritten lief David die Treppe hinunter, die in einem modern gestalteten Wohnraum führten, welcher in eine offene Küche überging. " Dr. Lanford, Sie sind wach", lächelte ihn die junge Frau an. " Ich habe Frühstück gemacht, möchten Sie auch etwas vom Rührei? " Ungläubig starrte Lanford das Mädchen an. "Huch, heute nicht hungrig? ", fragte sie besorgt und hielt ihm einen Teller vom dampfenden Frühstück hin. Sprachlos nahm er den Teller entgegen und setzte sich auf einen der Stühle, die vor dem Küchentresen standen. Die junge Dame mit den pechschwarzen Haaren und der blassen Haut saß ihm gegenüber und futterte eifrig ihren Teller leer - so, als wäre alles völlig normal. " Stimmt etwas mit dem Essen nicht? Soll ich vielleicht etwas anderes machen? " Sie strich sich eine Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr. "Ach stimmt ja, der Kaffe! ". Mit einem Satz hüpfte sie von ihrem Stuhl und wandte sich in Richtung Küche. " Sorry sorry sorry, ich mache Ihnen sofort Kaffee, Dr. Lanford".

"Das reicht!" David schob seinen Teller zur Seite und gab ein nicht identifizierbares Knurren von sich. " Ich will keinen verdammten Kaffee, sondern wissen, was zum Teufel hier los ist. " Er stand auf und ging einige Schritte auf die Frau zu, die gerade dabei war, den Kaffeevollautomaten auf dem Tresen mit duftenden Kaffeebohnen zu füttern. " Wo um alles in der Welt sind wir? Und ... wer bist du eigentlich? " " Ist das wieder eine Ihrer neuen Ideen für ein Buch? ", kicherte die junge Frau, ohne ihn auch nur einmal dabei anzusehen, und stellte eine Tasse unter den Automaten. Lanford spürte, wie er wüten wurde. Er stand auf und ging mit bedrohlichen Schritten auf sie zu. "WER-BIST-DU ? " Finster sah er auf das gerade mal knapp ein Meter sechzig kleine Ding herab. "Okay, okay, wenn es Sie glücklich macht ...", schnaubte die Kleine und zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. " Ich weiß zwar nicht, was das Ganze soll, aber ich bin Sam, ihre Assistentin". Sie verdrehte die Augen und hielt ihm die Kaffeetasse entgegen. "Hier ". "Meine ...Assistentin? " Noch immer begriff David nicht, was sich eigentlich abspielte. " Seit beinahe zwei Jahren", erklärte sie.
Wortlos nahm David die Tasse mit dem heißen Kaffee entgegen und trank erst mal einen kräftigen Schluck. " Igitt da ist ja Milch drin", bemerkte er angeekelt und goss die dampfende Flüssigkeit geradewegs in die Spüle.

"Orrrr jetzt reicht es aber so langsam! ". Beleidigt verschränkte Sam die Arme."Sie haben mir versprochen, dass sie diesen komischen Spielchen mir gegenüber sein lassen wollten. Wenn Sie sich in eine neue Figur hineinversetzen wollen, dann aber ohne mich! ", schnaubte sie beleidigt.
David runzelte die Stirn und fasste sich nachdenklich an den Kopf - dieses blöde Schmerzmittel tat nicht das, was es hätte tun sollen.
" Was ist denn heute los mit Ihnen? ". Fragend sah sie zu ihn hinauf; Sam schien zu spüren, dass ihm irgendetwas Sorgen bereitete.

David setzte sich zurück auf den Stuhl und stützte seinen Kopf in beide Hände. " Das hier ist kein Spiel", versuchte er zu erklären. Ohne etwas zu sagen, setzte die junge Frau sich auf den Stuhl neben ihm. " Du ... hm wie war dein Name? Sam, richtig? " Sie nickte bestätigend. " Du bist mir doch letzte Nacht vor den Wagen gelaufen und ich habe dich mit hierher genommen? ", fragte er verunsichert. Sam schüttelte den Kopf und seufzte leicht genervt. " Sie haben sich gestern Abend vollaufen lassen, weil Catherine immer noch nicht mit Ihnen sprechen will", erklärte sie. "Wahrscheinlich hatten Sie daraufhin mal wieder einen Ihrer verrückten Albträume".

"Catherine? ", er erstarrte. " Ihre Ex-Frau", erklärte Sam trocken.
David spürte, wie er zu zittern begann. Das konnte unmöglich wahr sein! Catherine war vor zwei Jahren bei dem Unfall gestorben ...
Das alles war zu viel für ihn. Das hier konnte nur ein Traum sein - und zwar ein ziemlich fieser. Fluchtartig erhob er sich ... Er musste weg von hier, egal wohin, einfach weg und darauf hoffen, dass er ganz normal in seinem Bett aufwachen würde - in seinem Anzug, so wie er dort eingeschlafen war, mit einer unbekannten Fremden, die er mit zu sich nach Hause genommen hatte.

Die Tatsache ignorierend, dass er immer noch im Schlafanzug war, ging er auf die Tür zu, welche er für die Eingangstür hielt und öffnete diese. Das draußen herrschende Unwetter begrüßte ihm mit einem starken Regenschauer, der ihn in Sekunden von oben bis unten durchnässte. Ekelhaft, aber die Abkühlung konnte er in diesem Augenblick gebrauchen. Er nahm einen tiefen Atemzug der kühlen Regenluft. Etwas Dunkles, tief in seinem Inneren, hinderte ihn, sich weiter zu bewegen, die Welt um ihn herum war in ein sich unwohl anfühlendes pechschwarz getaucht - David wurde ohnmächtig.



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